Claus Pias
ifk Senior Fellow


Zeitraum des Fellowships:
01. März 2007 bis 30. Juni 2007

Simulation. Zur Technikgeschichte wissenschaftlichen Wissens seit 1945



PROJEKTBESCHREIBUNG

Ob in Physik, Chemie oder Biologie, ob in Elektrotechnik, Maschinenbau oder Raumfahrt, ob in Rüstungs-, Gen- oder Klimaforschung, ob in Politik, Ökonomie oder Soziologie, ob in Neurologie oder Nanotechnologie: Man vermag kaum mehr einen Forschungsbereich zu nennen, der nicht essenziell von Verfahren und Simulation abhängig wäre. Bereits in den 1960er-Jahren verglich J. C. R. Licklider deshalb ihre Bedeutung mit der des Buchdrucks. Innerhalb einer medien- und technikorientierten Archäologie unserer Gegenwart gilt es daher zu rekonstruieren, wie sich zahlreiche Wissenschaften (sei es implizit oder explizit) in Computerwissenschaften verwandelt haben. Dabei ist die Computersimulation von der wesentlich älteren "Modellierung" (bspw. ideales Gas, schwarzer Körper, vollkommener Markt usw.), mit der sie bis heute systematisch tief verbunden ist, als neue Qualität zu unterscheiden – insbesondere hinsichtlich der Fragen von Verzeitlichung, Bildlichkeit und Kontingenz. Innerhalb einer Entwicklung vom "computer-as-tool" zum "computer-as-nature" (Galison) erscheinen erkenntnistheoretische, wissenshistorische und wissensschaftssystematische Herausforderungen, die von den Geisteswissenschaften (und selbst von der Wissenschaftsgeschichte) bislang weitgehend ignoriert wurden. Das Forschungsprojekt widmet sich daher der Bedeutung und Reichweite der Simulation für die Konstitution wissenschaftlichen Wissens in den letzten 50 Jahren. Dabei geht es einerseits um historische Fallstudien, die an exemplarischen Konstellationen den Zusammenhang von ästhetisch-technischen Dispositiven und wissenschaftlichem Wissen veranschaulichen (Modellierungsansätze, Progammiersprachen, Qualitätssprünge etc.). Andererseits soll die kulturhistorische Reichweite und erkenntnistheoretische Bedeutung der Simulation für die Genese "postmoderner" Wissenschaften abgesteckt werden. Als Leitfragen dienen dazu die veränderten Verhältnisse von Theorie und Experiment, Gesetz und Regel, Beweis und Demonstration, Operationalität und Sichtbarkeit sowie Faktizität und Fiktionalität.



CV

Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien an der Universität Wien



Publikationen

U. a.: Kursbuch Medienkultur, Stuttgart 1999; Hg., Cybernetics/Kybernetik. Die Macy-Konferenzen 1946–1953, 2 Bde., Berlin/Zürich 2003; (gem. mit Martin Warnke), Anna Oppermann in der Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2004; Hg., Hermann Bahr: Kritische Schriften, Weimar 2004 ff.; Hg. (gem. mit Josef Vogl und Lorenz Engell), ComputerSpielWelten, München 2002; Hg., Kulturfreie Bilder, Berlin 2007; Hg., Herman Kahn – Szenarien für den Kalten Krieg, Zürich 2007.